Sisikon


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Sagen Sisikon


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Sagen von Sisikon



Quelle: Müller, Josef: Sagen aus Uri 1-3. Bd. 1-2 ed. Hanns Bächtold-Stäubli; Bd. 3 ed. Robert Wildhaber. Basel: G. Krebs, 1926, 1929, 1945,


Weinbau in Sisikon

Im Gumpisch usset-dem Tällä soll friähner ä Wybärg gsy sy. Jetz isch es mit Wald und Steig'rell iberdeckt. Wossi a der Axästrass b'buwä hennt, hed än Arbeiter dert nu ä Wystock midarä ganzä Trubä mit grossä Beeränä g'fundä. Au i der undärä Bitzimatt isch vor Zyttä-n-ä Wybärg g'sy, aber dert heig der Schnee d'Räbä-n-appägschlagä; äs isch halt gar stotzig dertä.

Der Weinberg im Gumpisch hat sich nach Mitteilung der Brüder Infanger vom äussern Tellen in der Nähe des Eisenbahn-Wärterhäuschens befunden und sei, wie ihre Voreltern überliefert, durch eine Rübi zerstört worden, die ganze, noch in ihrem Erdreich aufrecht stehende Tannen mit sich gebracht habe. Gumpisch gehört heute zum Gut Bittleten am äussern Tellen, war aber zeitweilig eine Liegenschaft für sich.
 
Vom Wolf gefressen

Aus dem untern Axenberg in der Gemeinde Sisikon ging ein Kind zur Schule und musste zudem auch zu Hause bei der Arbeit mithelfen. Als die Familie eines Abends gemeinschaftlich den Rosenkranz betete und das arme, müde Kind dabei einschlief, wurde der Vater wild, stellte es vor die Haustüre hinaus und vergass es da. Endlich sagte die Mutter, sie wolle das Kind holen. Der Vater entgegnete: »Ich habe es hinausgestellt, ich hole es auch.« Aber vergeblich öffnete er die Türe, das Kind war nicht mehr da. Umsonst suchten sie es unter Weinen und Schreien; ein Wolf, der letzte in Uri, hatte es gefressen. Man fand einige Tage später seine Spur und erlegte ihn. Andere Erzähler behaupten, das Böse habe Gewalt bekommen über das Kind; das sei oft vorgekommen, dass Kinder, die nach Betenläuten strafweise vor die Haustüre gestellt worden, verschwunden seien. Seit dem Tode jenes Kindes sieht man oft zur Nachtzeit im Axen und Umgebung ein Licht herumschwirren (19. Jahrhundert).

Pfarrer Josef Alfons Imhof in Sisikon (1798 †).

Ja, der Pfahr Imhof, das isch ä frommä, heiligmässigä Geischlächä gsy. Är isch zerscht z'Schattref Hälfer gsy und isch vo dert, äs mag eppä hundertfifzg Jahr sither sy (1765), uf Sisigä chu als Pfahr. Und de isch-er z'erscht uff d'Gschauwi chu. Damals isch der Pfahrhof de fryli nu äs wüeschts, eländs Husli gsy, nid äsonnä Palascht wiä jetzä. Vorem Husli syg-em äs Unghürli bigägnet. Aber er häig das wüescht Husli nytt gschochä und das Unghürli au nytt. Das Unghürli heig-er z'obrisch i ds Husli ufäpahnet und speeter erleest. Z'ersch hennt-s'-ä furchtbar ghasset, d'Sisiger dänket! Blutternackt sind-s-em a dä Huswände nah ufäkräsmet, und i Kilä-n-innä sind-s'z'hinderfür innägstandä mit Chörbä-n-am Riggä. Aber äs isch bald usschu, was firnä frommä Pfahr dass d'Sisiger heiget.Damals isch z'Lauwerz im Kanton Schwyz ä Miller gsy, und dem sy Frau isch bsässni wordä vommänä Trunk nachä. Und darnah sind-s immänä Schiffli midärä chu bis uff Sisigä, und är het diä Frau doch entlediget. Zum Dank hed-em duä der Miller ä Mütt Mehl gschickt, i weiss nytt, weevel dass das isch. Aber är het das Mähl annärä-n-armä Witfrau gschänkt, wo damals i dem Hus gsy isch näbem Pfahrhof. Das isch ä Schwanderi gsy, ds Seebis Babä hennt-s-ärä gseit, isch mys Grossvaters Schwester gsy.

(Erzählerin Schwander Mary-Seppi, von Sisikon, 75 Jahre alt, die seit 1765 alle Pfarrherren von Sisikon auswendig kannte und von jedem noch das eine oder andere Histörchen zu erzählen wusste, ein wunderliches altes Meitli.)


Das Toggeli und die Harnflasche

 
Zu Sisikon lebte ein Knecht, der zusehends abmagerte, obwohl er gute Kost und nicht übermässig viel Arbeit hatte. Der Bauer fragte ihn, was ihm fehle, aber er wollte es nicht sagen, und später wollte er den Platz künden. Jetzt drang [187] aber der Meister in ihn, ihm die Ursache mitzuteilen, und auf sein Einreden gestand er endlich, dass ihn jede Nacht das Toggeli so furchtbar plage und drücke. »Da brauchst du deinen Dienst nicht zu verlassen,« sagte der Bauer, »da kenne ich schon ein Mittel. Löse am Abend dein Wasser in ein Fläschchen und verschliesse dieses fest und öffne es unter keinen Umständen, dann wirst du sehen.« Der Knecht gehorchte. Am nächsten Tage kam seine Geliebte und bat ihn flehentlich, doch das Gutterli zu öffnen, sie könne ihr Wasser nicht mehr lösen. »Ähä,« sagte jetzt der Bursche, »bisch dü d'Häx?« Aber später heiratete er sie doch
 
Woran man die Hexen erkannte
 
Vor Zeiten lebten im alten Schwanderhause neben dem Pfarrhof in Sisikon zwei alte Meitli, die der Hexerei verdächtig waren. Um sie zu probieren, legten ihnen die Nachbarn einmal zwei Sensen kreuzweise vor die Haustüre und legten sich in den Hinterhalt, um zu sehen, ob die Meitli darüber stolpern würden. Und richtig! als sie vor das Haus kamen, sind beide b'stirchlet, und jetzt wusste man, dass es richtige Hexen waren.
 
Das Füchslein im Ebnet
 
Dem Besitzer des Ebnet zu Sisikon raubte ein Fuchs die schönsten Lämmchen und Zicklein. Wohl lauerte er ihm auf, aber nie bekam er den Schläuling vor die Büchse. Endlich liess er sich von seinem Bruder in einem Heubündel in das Gädemli tragen, wo er dem Tier lotzen wollte, worauf der Träger das Gädemli wieder verliess. Der Fuchs kam während der Nacht und stand auf dem Miststock und äugelte gegen das Heutor hinauf; der Bauer streckte das Büchsenrohr durch eine kleine Öffnung hinaus und wollte abdrücken. Da begann der Fuchs zu reden und rief: »Tuä du nitt schiässä, dä bisch au mängisch zuä-mmer z'Dorf chu.« Darauf machte er sich davon, ohne vom Bauer beschossen zu werden, und liess sich nie mehr merken.
 
Kapellen von Sisikon
 
Und Ennetmoos in Nidwalden hatten nach der Sage vor alten Zeiten einen Priester miteinander gemein. Derselbe hielt an diesen zwei Orten abwechslungsweise Gottesdienst. Die älteste Kapelle zu Sisikon sei aus Holz gebaut gewesen und habe sich einwenig oberhalb des heutigen Pfarrhofes befunden, während das »Eggelihaus« auf der andern Seite des Baches der Pfarrhof gewesen sei.
 
Der Untergang von Sisikon

Diä Altä hennt mängisch g'seit, der Bach heig Sisigä b'bracht, der Bach wärd's au einisch wieder nä.

 
Die 7 Siegristen

Vor Zeiten gab es in Sisikon nur sieben Haushaltungen. Damals war noch kein ständiger Sigrist zur Bedienung der Kirche und des Priester bestellt, sondern die Leute mussten abwechselnd je eine Woche den Sigerstendienst versehen. So ist es gekommen, dass auf einmal sieben Sigersten in der Gemeinde waren.

Die Kemletzen Kapelle

Ob Sisikon sei vor alten Zeiten die Pfarrkirche für Römerstalden, Morschach und Sisikon gewesen, nach andern aber von einem Schwyzer, der in französischem Söldnerdienst gestanden, infolge eines Gelübdes etwa 18.-19. Jahrhundert gestiftet worden.


Abenteuer beim Geisterbannen.

In der Läntergen, einem Landgut in der Gemeinde Morschach, das aber dem Dörflein Sisikon näher liegt als dem Mittelpunkt von Morschach, wohnte damals eine Familie Hofer (eigentlich Imhof), die am Abhang der Fronalp Berggut und Alp Fron besass, wo ein Unghür hauste und den Leuten lästig war. Sie beschlossen, es bannen zu lassen, und beriefen zu diesem Zweck den Pfarrer Imhof von Sisikon, zu dem sie mehr Zutrauen hatten als zu ihrem eigenen Ortsgeistlichen. Er kam; aber als er vor die Türe stand, die Stola anlegen und das Buch in die Hand nehmen wollte, da warf es ihn unversehens in die Misti hinaus. »Oho!«, rief jetzt Imhof, »habt ihr euren Ortspfarrer nicht gefragt?« Sie sagten: »Nein« und liefen eiligst nach Morschach hinunter und fragten den Pfarrer. Der gab seine Erlaubnis, und jetzt bannte Imhof das Unghür »i ds Chöpfänä«, wo es nicht mehr schaden konnte.


Vom Zurücktreiben

Irgendwo und irgendwann wurde einem Bauer eine erkleckliche Summe sauer verdienten Geldes gestohlen. Da suchte er jemand auf, der zurücktreiben konnte, und der verhiess ihm, solches zu tun, aber, wenn der Dieb komme, müsse er ihm das Geld abnehmen, mache er es, wie er es wolle. Das gelobte zwar der Bauer, doch, als der Dieb erschien und das glühende Geld von einer Hand in die andere schüttete und daran blies, fing es an zu donnern und zu blitzen, zu tosen und zu toben, dass das Bäuerlein eine höllische Angst bekam und davonrannte. Da kam der Teufel und zerriss den unglücklichen Dieb in Stücke. Drei Tage lang hörte man diesen in den Lüften schreien. Der Zauberer aber beteuerte hoch und heilig: Nie mehr werde er zurücktreiben.

M. Josefa Aschwanden, 75 J. alt, Sisikon.

Zauberbuch sprengt Schlösser

Zu einem Pfarrer kamen einst zwei schlichte, unschuldige Eheleutchen mit einem Buch und sagten arglos, das syg neiwä-n-äs kurjoses Buäch, wem-mä da dri läsi, tiäget alli Schlösser uffspringä. Der Pfarrer schaute sich das sonderbare Buch genau an und meinte, es sei nicht für die Leute. Er behielt es bei sich und gab ihnen ein anderes.
»Ja, ja, friähner heig äs ä seeligi Biächer g'gä, da syg au dri g'sy, wiäm-mä chenn ä Brand ohni Wasser löschä. Der Pfahr Murer heig das aber au chönnä.«

M. Josefa Aschwanden, 75 J. alt, Sisikon.

Schatzhütende Tiere.

Dä Frauwänä – mä seit au i dä Chöpfänä – a der Fronalp obä (ob Sisikon), da syg au ä Schatz gsy, und ä Chrott heig-ä müäßä vergaumä. Der Schatz syg dä verschwignä Mülärä, hets gheißä. Da syg einisch ä Frendä chu, ich glaubän,-äs syg ä fahrändä Schueler gsy, bastä-n-ämal än ußgfixtä, gvysiärtä Fink. Und der heig diä Chrott au g'seh und heig gseit:

Das ist eine Krott wie ein Ofen,
Augen hat sy wie Scheiben,
Mit den Taapen winkt sy, man solle kommen;
Ja, welcher Teufel soll da kommen?

Einä heig-ä duä einisch überchu, der Schatz, aber wiä, das chan ich nitt sägä.

M. Josefa Aschwanden, 75 J. alt, Sisikon

Der Chriäsibüeb

Der Chriäsibüeb war einst ein Hexenmeister in Zürich, der mehr konnte als andere. Er wurde deswegen gefänglich eingezogen (sy hennd-ä hindärä 'tah und i ds Cheefi g'steckt) und sollte verbrannt werden. Er erbat sich aber vor dem letzten Gange, sie sollten ihm noch einige Gumel geben. Man gab ihm welche, und weil ihnen noch etwas Erde anhaftete, konnte er sich unsichtbar machen und den Zürchern noch höhnisch zurufen:

»D'Zürcher sind so schwarz wiä d'Rappä,
Aber der Chriäsibuäb chönnet s' nid ertappä.«

J.J. Huber, 80 J. alt, Sisikon.

Der Schatz im »grossen Haus« zu Sisikon.

Da, wo jetzt das sogenannte grosse Haus zu Sisikon steht, sei früher eine Burg gewesen, aus der die »Jütz von Sisikon« stammen, eine Familie, die im 16. Jahrhundert nach Schwyz ausgewandert ist. Nach der Volksüberlieferung waren diese Jütz hortreiche Leute, besassen die Läntergen in Morschach, die Eigenalpen Buggi am Rophaien und Urwängi in Seelisberg, den Riedberg, viel Vieh, Knechte und Mägde und eine grosse Sennerei. Die Dienstboten hatten es sehr gut bei ihnen, aber das ewige Kalbfleisch und der Biämst (Biestmilch) sei ihnen allemal verleidet. Daraus kann man auf die Grösse ihres Viehstandes einen Schluss ziehen. Zuletzt seien zwei Söhne gewesen; die wussten nichts von arbeiten, bis sie 20 Jahre alt waren. Einst fuhren sie mit ihrem Schifflein in den See hinaus, vergnügten sich mit Schifflifahren und ertranken.
Im »grossen Haus« ist ein Schatz verborgen. Einmal gruben sie nach ihm. Schon waren sie nahe dabei, da begann es furchtbar zu tüflen und zu lärmen, zu donneren und zu [296] krachen. Jetzt hätten sie aber gleichwohl weiter arbeiten sollen, allein statt dessen ergriffen sie die Flucht, und da fiel der Schatz wieder in den Erdboden zurück. – Eine andere Partie von Schatzgräbern hatte Misserfolg, weil ihr das siebente Buch Moses fehlte. Das sechste hätten sie gehabt.

Joh. Jos. Huber, 80 J. alt; M. Josefa Aschwanden, 75 J. alt.


Schatz und dreibeiniger Ziegenbock

Ein reicher Bauer hatte drei Töchter und einen Knecht, die er alle sehr strenge hielt. Er wurde krank und legte sich ins Bett, und da war an diesem Abend gerade Tanz in einem benachbarten Wirtshaus. Dem Knecht und seinen Töchtern empfahl er, auch an den Tanz zu gehen und sich lustig zu machen. Solches war nun ganz gegen seine Art und Gewohnheit; es war etwas Unerhörtes, und der Knecht fasste Argwohn und dachte, der Bauer planiere etwas. Wohl begleitete er die drei Jungfern zum Tanz, aber bald verliess er das Wirtshaus, schlich sich heimlich davon und verbarg sich im Gaden. Gegen Mitternacht ging die Gadentüre auf, und herein trat der Bauer und grub ein grosses Loch in den Boden. Dann brachte er einen Hafen voll Geld herbei und stellte ihn neben die Grube, dann noch einen und noch einen dritten. Jedesmal aber, wenn der Sonderling hinausging, sprang der Knecht aus seinem Versteck heraus und nahm eine Handvoll Geld zu sich. Endlich stellte der Bauer die herbeigebrachten Vorräte in die Grube und bedeckte diese sorgfältig, dass wohl niemandem je in den Sinn gekommen wäre, hier sei ein solcher Schatz verborgen. Und dann sprach er laut und feierlich: »Das Gäld müeß da sy und da blybä, bis Einä, wo-n-äs rots Mäntäli a'het, uf-ämä wyßä Geißbock, wo keis schwarzes Häärli und nur dry Bei het, drymal drüff hin- und härfahrt!« Einige Wochen später starb der wunderliche Geizkragen, und da fanden die Töchter zu ihrem grossen Schrecken gar kein Geld vor, nicht einmal die Totenkosten konnten sie zahlen. Und sie hatten doch immer so gerackert und gespart! Jetzt trat der Knecht vor und machte den Vorschlag: »Wenn mich eine von euch dreien heiratet, so will ich das Geld herschaffen.« Als die älteste sich bereit erklärte, kaufte er einen schneeweissen Geissbock, band ihm ein Bein an den Leib hinauf, legte sich ein rotes Mäntelchen an und ritt auf dem Tier dreimal über die Grube hin und her. Diese öffnete sich und gab den Schatz heraus, und jetzt war allen geholfen.


J.J. Huber, 80 J. alt, Sisikon


Das goldene Kegelries auf dem Rosstock

Der Bub sah das Kegelries, während er bei einem schrecklichen Hagelwetter die Viehherde zusammenhalten musste. Es war aber nur Blendwerk des Bösen, der ihn verleiten wollte, die Pflicht zu verletzen und die gefährdete Herde zu verlassen. Hätte er die Kegel holen wollen, er hätte sie doch nicht gewonnen.

Alois Arnold, 80 J. alt, Sisikon


Der Chriäsibüeb wird hingerichtet

Wieder wurde er gepackt und sollte hingerichtet werden. Doch wollten sie sein Leben schonen, wenn er ein einziges »Heilige Maria, Mutter Gottes!« bete. Er aber wollte nicht und sagte: »Ich ha vor zächä Jahrä-n-äs Vatter Unser 'pättet, und das tüet mi jetz nu im Hals unnä brennä.« Der Scharfrichter [202] war im Begriffe, seines Amtes zu walten, und holte zum Streiche aus. Da erblickte er auf einmal drei Köpfe am Halse des Schelms. In der Verlegenheit fragte er den Landammann, was zu tun sei. Der aber wusste auch keinen Rat. Jetzt rief jemand aus dem Volke: »Werfet einen Apfel in die Luft, und, wenn ihr diesen im Herunterfallen mit dem Schwerte entzwei hauen könnt, so werdet ihr den richtigen Kopf treffen!« Der Scharfrichter handelte nach diesem Rat, und, als er den herabfallenden Apfel wirklich in der Mitte entzwei schnitt, da fiel auch der mittlere Kopf des armen Sünders, und sein abenteuerliches Leben hatte ein Ende.

M. Josefa Aschwanden, 75 J. alt, Sisikon

Heilung von Besessenen.

Einst hatte Pfarrer Josef Alfons Imhof (in Sisikon, gest. 1798) einem Besessenen den »Gott-b'hüetis« so bezwungen, dass man förmlich sah, wie er sich vom Körper in den Arm begab und von dort, wenn auch mit grösstem Widerstreben, hinabfuhr und dann in dem kleinen Finger sich noch wand und krümmte, bis er den Leib verlassen musste.

Schriftlich: Alfred Schaller, Sisikon.

b) Ein andermal fragte Pfarrer Imhof den »Gott-b'hüetis« in einem Besessenen an, ob er wisse, was er im Sack habe. Lange wartete der »Gott-b'hüetis« mit der Antwort, bis er dann sagte: »de Bodä«. Der Pfarrer hatte aber ein Kruzifix in der Tasche, und diesen Namen wollte der Böse nicht aussprechen.

Schriftlich: A. Schaller, Sisikon.

c) Pfarrer Imhof war als frommer, gottbegnadeter Mann bekannt und weitherum berühmt. Selbst von entfernten Orten wurden ihm Besessene zugebracht, die er in den meisten Fällen heilen konnte. Zu dem Verfahren wurden die stärksten Männer von Sisikon und Riemenstalden zugezogen, die die Besessenen während der Austreibung festhalten mussten, weil sie jeweilen furchtbar tobten. Während der Beschwörung wurde den Besessenen ein unschuldiges Kindlein auf die Arme gelegt, dem durften sie nichts Böses antun und konnten es nicht wegwerfen.

Maria Josefa Aschwanden, 75 Jahre alt.

d) Einmal wurden Pfarrer Imhof 5 oder 6 besessene Frauen von St. Gallen miteinander gebracht, die er alle bis auf eine von der Besessenheit befreien konnte. Bei dieser letztern halfen auch die stärksten Mittel nichts, und sie musste unbefreit nach Hause. Später wollten dann die starken Männer von Riemenstalden nicht mehr mithelfen, da der Böse durch den Mund eines Besessenen ihnen ihren unerlaubten Verkehr (Päderastie) untereinander ausbrachte.
[100] Eines Tages hielt der Böse dem Pfarrer auch wieder durch den Mund eines Besessenen vor, er sei ein »Räbäschelm«. Lange wusste der Pfarrer nicht, wie der Böse zu diesem wiederholten Vorwurfe kam, bis er sich erinnerte, dass er einst anlässlich einer Wallfahrt nach Einsiedeln, als ihn Hunger und Durst plagten, aus einem Acker oder Garten auf dem Katzenstrick am Wege eine Rübe ausgerissen und gegessen, aber zugleich als rechtes Entgelt in eine andere Rübe zwei Schilling gesteckt habe.

Schriftlich von A. Schaller-Donauer, Sisikon.

e) Speeter syget duä ganzi Scharä Bsässni chu vo St. Gallä. Aber wisset iähr, wohär dass diä bsässä wordä sind? Diä heig ä Pfahr ids Tyfels Namä tauft! Ä Studänt, wonner bynem gha heig, heig-ems ussggä.
Einisch heig-em der Tyfel »Räbäschelm« üssteilt und einisch »du schwarzes Buderli«.

M. Josefa Aschwanden.



Die Hand, die aus dem Grabe wächst

Schon mehrere Abende hatte der brave Sigrist von Sisikon, wenn er zur Kirche ging, die Betglocke zu läuten, eine Kinderhand aus einem Grabe emporragen gesehen. Sorgsam schob er dieselbe jeweilen in die Erde zurück, aber am nächsten Abend war sie wieder emporgestreckt. Endlich setzte er besorgt den damaligen Ortspfarrer Imhof (gest. 1798, Pfarrer seit 1765), der im Rufe grosser Gelehrtheit und Frömmigkeit stand, in Kenntnis. Nachdem dieser die Eltern des Kindes in Erfahrung gebracht, liess er die Mutter zu sich berufen und teilte ihr alles mit. Diese wurde darüber sehr traurig, und da sie sich nicht zu helfen wusste, fragte sie den beliebten Seelsorger um guten Rat. Dieser fragte, ob sie nicht etwa das Kind straflos habe ausgehen lassen, wo es Strafe verdient hätte. »Ich erinnere mich nur, dass es einmal mit der Hand nach mir geschlagen hat; da es aber kaum über zwei Jahre alt war, liess ich den Fehler ungeahndet«, bekannte die Mutter. »So gehet nun«, belehrte sie der Geistliche, »nehmet eine Rute und schlaget damit einigemal die emporgestreckte Hand, dann wollen wir hoffen, dass das arme Kind im Grabe die ersehnte Ruhe finde.« Schweren Herzens ging die Mutter und handelte nach dem weisen Ratschlag des eifrigen Priesters. Von dieser Zeit an liess sich die Hand nicht mehr blicken.

Spuren armer Seelen.

Als einst eine Frau von Sisikon vom See her durch das Buggital hinaufstieg, um Holz zu suchen, fand sie auf dem Lawinenschnee Spuren von feinen Damenschuhen, Spuren, [52] die bis zu einer Höhle unter einem Stein führten und da auf einmal aufhörten. Die Frau aber erblindete hierauf an einem Auge. Joh.


Joh. Jos. Huber


Andere Kündzeichen.

Pfarrer Egger in Römerstalden ging einst spät in der Nacht von Morschach heimwärts, und weil er ein älterer Herr war, führte ihn der (1915) noch lebende Wirt von Römerstalden am Arme. Als sie in der Nähe der Kemletzenkapelle waren, da wich der Pfarrer plötzlich seitwärts so weit als möglich aus, und weil der Wirt fragte, was er habe, sagte der Pfarrer, ob er es denn nicht sehe da mitten auf dem Wege. Erstaunt entgegnete der Wirt, er sehe nichts. Der Geistliche erklärte ihm, es liege eine Gestalt im Wege, und wenn er nichts sehe, sei es ein Kündzeichen, dass es an dieser Stelle bald ein Unglück gebe. Es vergingen keine 14 Tage, so wurde daselbst Knüppelholz herabgeworfen und dabei ein Mädchen erschlagen.

Schriftl. von Hrn. A. Schaller, Sisikon.



Kündung durch einen Sarg.

d'r Läntergä isch er überhaupt wië däheimä g'sy, d'r Pfahr Imhof. Einisch, won-n-er ufächunnt, stahd im Schopfli (Hauseingang) ä grossä Totäbaum. »Ähä,« dänkt-er, »da chostet's äs G'waxes.« Äs par Tag speeter isch duä richtig ä g'waxnä Buäb uss d'r Läntergä i ds B'birg dä Schafä-nah, und da hed-än-äs Schaf am Hälsig überni Fluäh appäzerrt, und är isch so um ds Läbä chu.

M. Josefa Aschwanden, Sisikon.


Der Alpschimmel in Gornern.

Ebenso in Urwängi ob Bauen. Auch diesen brauchten sie, die Käse gegen Engelberg zu säumen. »B'hüet Gott, der St. Antoni, der St. Wändel alles uff der Alp, ohni der weisse Schimmel nicht.« Am folgenden Morgen fand man ihn tot, den Kopf unten, vor der Hüttentüre hangend.

Ant. Wirsch, Sisikon.

Als Gespenst verkleidet.

2. a) Ein Handbub der Etzlialp musste jeden Tag für den Senn das Wasser herbeischaffen, und zwar aus dem Dännäwäschbächli, das beim Rosstein vorbeifliesst. Der übermütige Senn schüttete es ihm nicht selten wieder aus, so dass er gezwungen war, am späten Abend nochmals zu holen. Eines Abends kam er ganz verstört zurück und sagte zum Hirt: »Jetz gahn-i nimmä; äs riëhrt m'r eisster Stei a.« »So riëhr äu!« riet ihm der Hirt. Zuerst wagte es der Bub nicht, den Rat zu befolgen. Eines Abends jedoch, als er die Bräntä an den Rücken nahm, um wieder Wasser zu holen, sagte er, dass Hirt und Senn es hörten: »Ja, wennd's hinecht nu einisch chunnt, sä tüen-i's bim Eid mit Steinä-n-ärriëhrä!« Und wirklich, es kam nochmals und bewarf ihn mit Steinen. Da ergriff auch der Handbueb einen hämpfligen Stein und warf ihn in der Richtung, woher die Steine gekommen. Da hörte er einen fürchterlichen Schrei. Als er in die Hütte kam, war der Senn nicht da. Er erzählte dem Hirt, wie es ihm gegangen; dieser wurde totenbleich und sagte: »Jetz hesch d'r Sänn ärriëhrt!« Sie suchten und suchten, aber von dem törichten Senn wurde nie eine Spur gefunden. Er war es gewesen, der dem Handbub zu fürchten gemacht.
[155] b) Nach anderer Erzählart (Alpgnof) wickelte sich der Senn in eine Schnitzeldecke ein, wie man solche früher aus Resten oder Enden von Wollstoffen herstellte, oder in ein Fell oder in eine dürre Kuhhaut und legte sich in den Weg und machte dem Bub mit allerlei Gelärm zu fürchten. Man fand von ihm nichts mehr als drei bis vier Haare an einem Stein und den Fingerring, oder den Daumen seiner rechten Hand.
c) Dritte Erzählart: Der Senn, der zu fürchten machte, hatte ein Beil in der Hand. Von ihm fanden sie nichts mehr als die rechte Hand, worin er das Beil getragen und an deren Ringfinger ein Ring steckte, in dem der Name Jesus eingraviert war.
d) Ursern: Der Hirt machte den Tinder zu fürchten. Von dem getöteten Hirten fand man nur mehr den Daumen der rechten Hand. Mit dem hatte er oft im Leben das Kreuzzeichen gemacht.
3. Im Dubel in der Huoren-Brunnen im Tale von Römerstalden geschah es, dass ein Gespenst dem Handknab vorlag und ihm den Weg versperrte, wenn er abends ausging, um Wasser zu holen. Endlich nahm er eine Axt mit und erschlug es. Als er in die Hütte kam und rühmte, er habe das Gespenst erschlagen, wurden die Älpler bleich und sagten: »Jetz hesch d'r Sänn erschlagä!« Es war der Senn gewesen, der sich als Gespenst verkleidet hatte. Von ihm fanden sie gar nichts als seinen Kreuzfingerring.

Maria Josefa Aschwanden, 70 J. alt, Sisikon.



Jagd am Feiertag.

8. Der vierte Jäger erschien erst spät im Tage auf dem Plan. Ein prächtiges Grattier stellte sich ihm. Er legte an [162] und zielte. Da hielt eine schöne weisse Dame das Tier an den Hörnern fest. Der Jäger wagte es nicht zu schiessen und liess das Gewehr sinken. Nun war die Dame verschwunden und stand die Gemse allein da. Zum zweiten Mal legte er an, und wieder stand die Dame neben dem Wild. Beim dritten Mal rief sie, er solle nur schiessen; weil er am Morgen seiner religiösen Pflicht nachgekommen, habe er eine köstliche, schöne Beute wohl verdient. Er schoss und erlegte einen kapitalen Gemsbock.
Die drei Jäger büssen noch heute auf ihren luftigen Höhen. Alle 100 Jahre zu Mitte August rufen sie einander zu. Der erste: »Wië lang sim-mer etz scho da?« Der zweite: »Wië lang gaht's äu nu?« Und der dritte antwortet: »Solang Gott will und Maria«, oder: »Das weiss Gott und Maria.«
9. Drei Jäger zogen am Muttergottestag zu Mitte August miteinander auf die Jagd und schossen eine weisse Gemse. Als sie dieselbe holen wollten, war sie verschwunden, und an ihrer Stelle stand eine schöne, glänzendweisse Frau und schaute die Jäger mit vorwurfsvollem Blicke an und sprach: »Ihr habt meinen Tag geschändet, und dafür müsst ihr eine Strafe auf euch nehmen. Ich will euch die Wahl lassen, ob neun Ellen tief unter den Firn oder auf die drei höchsten Berge verbannt oder zu Staub und Asche zerrieben zu werden.« Die drei Sünder wählten die Verbannung auf die höchsten Berge und wurden auf den Uri-Rotstock, auf den Rosstock und auf den Hohen Windgällen versetzt. Alle hundert Jahre rufen sie am fünfzehnten August einander zu, der erste: »Wië lang sim-mer ächt au scho hië?« der zweite: »Wië lang müëm-mer ächt nu da sy?« und der dritte: »Bis am Jüngstä Tag, und de chönne-m'r denn erst nu luegä, wiëss-is gaht.«
Die drei Berge heissen auch: Der Elfe-, der Zwölfe-und der Einsstock.

Frau Planzer-Gisler; J.J. Huber, Sisikon.


Gespenst misshandelt Kinder.

Aus einem Hause zu Flüelen gingen Vater und Mutter auf den Tanzboden, ohne vorher das kleine Kind zu b'segnen, das sie mutterseelenallein in der Wiege zurückliessen. Als am Abend die drei Ratsherren von Bauen, Flüelen und Sisikon aus dem Rate kamen und durch das Flüelerdorf hinabmarschierten, hörten sie aus einem Gädemli in der Nähe jenes Hauses ein jämmerliches Kindergeschrei. Sie schauten hinein und sahen da ein Wäuti – viele meinen, es sei das Toggeli gewesen –, das ein Kind abscheulich traktierte; es sass ihm auf die Brust, drückte und quälte es auf jede Weise. Der Flüeler Ratsherr erkannte das Kleine als sein Patenkind und entriss es dem Gespenst. Dieses warf ihm einen bösen Blick zu und kreischte: »Wenn nit d'r Getti wärisch, so tät di z'Huddlä-n-und z'Strämpä v'rzehrä!« Die Ratsherren nahmen das arme Geschöpfchen mit, holten auch die nachlässigen gewissenlosen Eltern aus dem Wirtshaus und gaben ihnen einen wohlverdienten, scharfen Verweis.

Kath. Arnold-Muheim, 90 J. alt, u.a.


Pfaffenkellerinnen zu Sisikon.

»Mein Vater,« so erzählt eine 70jährige Person aus Sisikon, »besass den Riedberg beim Pfaffentobel. Nicht selten hörten wir es furchtbar durch dieses Tobel auf und ab rauschen, und dann dauerte es nicht lange, so schwoll der Bach an und g'schändete. Das waren die Pfaffenkellerinnen, die im Tobel hausten. Einmal sagte der Vater, sobald es noch einmal so rausche, werde er den Berg aufwerfen.«


M. Josefa Aschwanden.


2. Die Pfaffenkellerin wütet auf dem Sisigenbach den Berg herunter in den Waldstättersee hinein.
3. Im Buggital hörte man so ein kurioses Rauschen; man glaubte, es sei die Pfaffenkellerin, und ein Sisikoner ging hin und befestigte an einer Tanne daselbst ein Chripfeli. Später stellte es sich heraus, dass es in den Telegraphendrähten so rauschte.

J.J. Huber, 80 J. alt.


Bestimmte Geistergestalten.

Die bekannteste und verbreitetste Schreckgestalt ist der Bäutzi, in Sisikon: Babautsch, eine Nachtgestalt von unbestimmter, aber in jedem Falle schreckbarer Figur. »D'r Bäutzi machä« ist sprichwörtlich für »Schrecken einjagen.«


Bestrafte Gotteslästerung

2. Nach anderer Erzählart hatten in einem alten Häuschen im Cher, auf Urnergebiet, an einem Samstagabend drei Holzer (drei Älpler) eine Nidel. Einer (der Senn) schleuderte dem St. Annabild in der Schroten einen Schläck nach dem andern zu mit den Worten: »So Nauzeli, muesch au e chly ha«. Am Sonntagmorgen findleten die drei, wer gaumen müsste. Es traf den Spötter. Dieser blieb also zu Hause, während die zwei andern zur Kirche gingen. Als diese wieder heimkamen, stand ein Gespenst auf dem Hausdache und schwang eine an einem Stecken befestigte Menschenhaut (dz Hütli vom Sämi) wie eine Fahne (»hat g'fähnlet«) und rief grollend: »Dz Nauzeli het's; dz Nauzeli het's!« Vom Spötter fanden sie keine Spur. Das Bild kam später in die Rosslauwi und von dort nach Römerstalden in die Kirche.

Maria Josefa Aschwanden; J.J. Huber, Sisikon.



3. Im Kehr hinter Römerstalden stund einst ein Bauernhof, der einem Namens Steiner gehörte. An Samstagabenden kamen in seiner Stube oftmals die Holzer zusammen, um eine Nidel zu trenten. Eines Nachts nun, als man mit trenten fertig war und die Nidel ass, da warf der Steiner, ein gottloser Mann, ab und zu einen Löffel voll Nidel auf das heilig Stöckli in der Stubenecke mit den Worten: »S'Nauzeli muess au e chly Nidle ha!« Es ging so bis in den Morgen hinein und schliesslich findlete man darum, wer in die Kirche gehen solle. Es traf den Steiner, zu Hause zu bleiben, und lachend rief er den andern nach: »I will de s'Nauzeli scho vergaume!« Als dann die Kirchgänger wieder zum Essen zurückkamen, da sahen sie, wie eine schwarze Gestalt auf dem Hausdach ein G'schüch wie eine Menschenhaut schwang [275] und dann verschwand. Vom Steiner war nichts mehr zu finden, aber auch das heilig Bild war verschwunden. Seltsamerweise aber stand nun das Bild bei frommen Leuten in der Stube auf der obern Rosslauwialp, wo es in Ehren gehalten wurde. Als das Haus zerfiel und die Bewohner in die Linzenegg zogen, nahmen sie es mit, von wo es später der Pfarrer von Römerstalden in seine Kirche verbrachte.
Übrigens noch mehr Varianten.

Schriftl. von A. Schaller, Sisikon.


Das getaufte Lamm.

n der Alp Urwängi hatten sie früher viel Schmalvieh, »G'schliëcht« sagt der Urner. Da war ein Geissbub, der ein Lämmchen, das auf dieser Alp zur Welt kam, über alle Massen lieb hatte. Wenn er morgens und abends nach altem Brauch Weihwaser nahm und sich besegnete, tat er solches auch seinem Schäfchen, ja eines Tages ging der Lappibub und taufte es sogar. Da wuchs es aber in kürzester Zeit zu einem Ungeheuer heran, das Menschen und Vieh beunruhigte und tötete. Sie holten einen Kapuziner, und dieser segnete die Alp und nahm das Ungeheuer mit und bannte es in das Seeli zu Geissweg. Dort muss es bleiben und kann nicht schaden; nur gegen die Schwandenfluh, auch Teufelsmünster genannt, darf es von Zeit zu Zeit ausfahren und im Tobel daselbst wüten. »Mein Bruder, als er zu Häusern ob Sisikon diente, hat
es oft als grosses, grünes Licht gesehen durch das Teufelsmünster hinauffahren.«

Karl Zwyssig, Seelisberg, 37 J. alt


Der vergessene Melkstuhl.

4. Ein Jäger b'nachtete in der Alp Spilau ob Sisikon. Geistende Älpler riefen ihm, är sell appä chu us sym Nischt, chu süffä. Der Jäger folgte erst auf den dritten Ruf. »Auf den dritten Ruf muss man folgen«, sagen die Alten, »sonst gehts einem nicht gut.« Rote, schwarze, weisse Süffi war in drei Mutten; er trank weisse und lernte johlen. Als er heimkam und johlte, lief ihm alles Vieh nach und das Vieh der Nachbarn kam über die Häge ihm nachgesprungen. Der Bruder zuhause wollte es auch lernen. »Äxpräss gah-n-i äu!« sagte er. Das hätte er nicht sagen sollen. »Äxpräss,« lehren die Alten, »soll man nie sagen.« Man soll sagen: »I Gotts Namä!« Er wurde zerrieben.

Michel Aschwanden, Sisikon


Das Heilkraut der Schlange

Jemand hieb einst einen »Wurä« entzwei. Der Kopf lief davon, holte ein Kräutlein, legte es sorgfältig auf die offene Wunde des Rumpfes und schmiegte sich selbst ebenfalls darauf. Alsbald wuchsen Kopf und Rumpf wieder prächtig zusammen.

M. Josefa Aschwanden, 75 Jahre alt, Sisikon.


Der Teufel als Holzhacker

Wenn ich allemal mit meinem Vater zu Sisikon beim Buggital mit unserm Schifflein vorbeifuhr«, so plaudert mir eine Person von Bauen am Urner See, »pflegte er folgende Geschichte zu erzählen: Hier hat vor Zeiten ein armes, aber braves Sisiker Mandli Holz gesammelt für seinen Bedarf. Nachdem es gestorben, hörten die Leute von Sisikon sehr oft, und zwar am lauterhellen Tage, Holz hacken im Buggital. Zuerst wussten sie nicht, was das sein möchte. Dann kam es einem in den Sinn, das sei sicher jenes arme Mandli, das [126] habe gewiss Holz gefrevelt und müsse jetzt wandlen. Diese Vermutung, kaum ausgesprochen, verbreitete sich, verdichtete sich zur Gewissheit, es gab ein heilloses Geschwätz. Einst fuhren da einige Sisiker mit einem Pater Kapuziner vorbei, der nach Sisikon kommen wollte um zu predigen. Da liess sich der Holzhacker hören, und die Männer sagten spöttisch zu einander: »Aehä, mä g'hert-ä wieder bäckä!« Der Pater liess sich ihre Rede erklären und das Gerücht erzählen und stieg aus, um sich den Holzhacker anzusehen. Als er zurückkam, sagte er, es sei der lebendige Teufel gewesen, der habe die Leute zu verleumderischen Reden verführt und so in sein Garn jagen wollen. Von da an liess sich der Holzhacker nicht mehr hören, der Pater hatte ihm das Handwerk gelegt.«

Marie Ziegler, 60 Jahre alt.

b) Schon oft hatten die Pächtersleute auf Beroldingen in ihrem Wald »Einen« gehört Holz hacken. Sie glaubten, es sei ein Dieb, und stellten ihm fleissig nach. Trotz aller List, die sie anwandten, konnten sie ihn doch nie ertappen. Dass sie bald den einen, bald den andern Bürger von Seelisberg im Verdacht hatten, lässt sich denken. Da riefen sie einmal den Pfarrer von Seelisberg, den frommen Peter Furrer. Während sie ihm klagten, richtig, da liess sich der Holzdieb wieder hören, am lauteren hellen Tag, und sie sagten zu einander: »Aehä, mä g'heertä wieder einisch bäckä!« Der Pfarrer fragte: »Wollt ihr ihn sehen?« Und als sie bejahten, befahl er dem Pächter, ihm über die rechte Achsel zu schauen. Er tat es und bemerkte, dass der vermeintliche Holzdieb Hörner hatte. Der kluge Seelsorger versäumte nicht zu belehren: »Merket euch, so säet der Teufel Argwohn!«

Josef Maria Aschwanden, 60 Jahre alt.


Die Sage vom Teufelsmünster.

Einst wurde der Sigrist von Sisikon, ein hablicher Mann namens Aschwanden, der einzige Bürger, der lesen und schreiben konnte, der auch Fährmann war und in der sogenannten Burg wohnte, nachts um 12 Uhr aus dem Schlafe geweckt; es doppelte jemand am Fenster. Er stand auf, und da war ein Fremder, der verlangte an das jenseitige Ufer (a ds äner Land) gefahren zu werden. Der Sigrist gehorchte nach einigem Zögern, obwohl ihm der Fremde mit seinem Verlangen nicht gefiel. Er dachte, wenn er dir Lohn geben will, nimmst du ihm keinen ab. Sie fuhren hinüber, und am Fusse der Schwandenfluh stieg der Fremde aus. Er reichte dem Fährmann ein Geldstück, aber der nahm es nicht ab. Da legte er's auf das Sitzbrett und fuhr polternd und Funken sprühend mitten durch die furchtbare Fluh hinauf. Voller Schrecken schrie der Sigrist: »Walt Gott und Maria, und b'hiät Gott und erhalt Gott alles!« Noch erschrockener brüllte der in der Fluh: »Jetz chani nimmä, jetz chani nimmä!« Und verschwand plötzlich. Es war der Teufel gewesen, und der hatte auf dem Berg Rinder verderben wollen. Als der Sigrist vom Lande abstiess, hatte das Geldstück das Sitzbrett durchgebrannt und war nicht mehr zu finden.

Alois Infanger, 35 Jahre alt, Bauen, und a.

Pfarrer und Zauberei.

Pfarrer Murer (Franz Aufdermauer, 1830–1851 Pfarrer in Sisikon) konnte einen Brand ohne Wasser löschen.
Einmal entstand hoch oben an der Fronalp, etwa zwei Stunden ob Sisikon, ein furchtbarer Waldbrand. Das sah Pfarrer Murer und lief eiligst vor den Pfarrhof hinaus, und mit einem rinnenden Handbräntli (mid-ämä grinnädä Handtaussli) löschte er von hier aus den Waldbrand.

M. Josefa Aschwanden, 75 Jahre alt.

Wurmis

heisst ein Landgut in Riemenstalden auf der Urner Seite. Dort wurde jede Nacht eine Kuh gesogen an einem Strichen. Endlich passten die Leute dem Schelm auf. Es war ein »Wurä«! Die Kuh sehnte sich ordentlich nach ihm, so war sie an ihn gewöhnt. Die Leute erschlugen ihn. Von da an hat dieses Gut den obgenannten Namen.

Anton Wyrsch, Sisikon

Hexentanz.

2. In der Oberbitzimatt zu Sisikon, wo ich in meiner Jugend aufgezogen wurde, traf ich eines Tages auf einem ebenen Plätzchen einen Ring, worin gar nichts wuchs, der die blosse Erde zeigte; er war ungefähr einen Schuh breit, hatte etwa den Umfang eines grossen Wagenrades und umschloss in der Mitte ein kleines, rundes Stücklein Land, das fruchtbar war. Ich sagte das meinem Pflegevater, und der sagte: »Ja, dieser Ring sei stets unfruchtbar, weil darin die Hexen getanzt hätten.«

Michael Aschwanden, 80 J. alt.

Die Kemletzen Kapelle

Ob Sisikon sei vor alten Zeiten die Pfarrkirche für Römerstalden, Morschach und Sisikon gewesen, nach andern aber von einem Schwyzer, der in französischem Söldnerdienst gestanden, infolge eines Gelübdes etwa 18.-19. Jahrhundert gestiftet worden.

J.J. Huber; K. Zwyssig.

In Klaryden.

Ein Ratsherr begleitete einen Kapuziner, der in Erstfeld die Ehrenpredigt gehalten, nach Altdorf. Als sie auf dem Schächengrund anlangten, sahen sie ein Wybervölchli, das ihnen in aller Eile entgegen kam. Kaum erblickt, stand es schon vor ihnen. Der Pater merkte wohl, dass das kein gewöhnliches Weibsbild sei, und stellte es. Auf seine Anfrage gestand dasselbe, es komme aus dem Elsass und müsse »i Klarydä«, um dort Hitze und Kälte zu erfahren, denn diese, zwei Stücke habe es in seinem Leben nie leiden wollen.
Meine Erzählerin, von Riemenstalden, Kanton Schwyz, gebürtig, hat die Geschichte von einem in Riemenstalden angesessenen Erstfelder gehört und fügt bei: »Ysiri Müetter het mängisch zu ys Chindä gseit: du channsch den äu i Klarydä ga Hitz und Chelti durämachä.«

Frau Planzer-Gisler, Sisikon.


Schlange und Haselzwick.

Schlangen tötet man, indem man mit einem Haselzwick kreuzweise auf sie einschlägt. Man nennt das den Kreuzstreich machen. Die einen behaupten, der Zwick müsse gesegnet sein, wenn er seine Wirkung tun solle.

M. Josefa Aschwanden, Sisikon, und a.


Eine Stelle,

auf der nie Schnee ansetzt, die immer aper bleibt, findet man auf der Strasse von Altdorf nach Flüelen bei Schrotner Sepp's Gaden im Tramgeleise. Dort sei ein Kapuziner verunglückt, und auch das Kreuz an der Gadenwand bewahre das Andenken daran.

Karl Planzer, 19 Jahre alt, von Sisikon.


Die Blümlisalpsage.

Bliämlisalp ufem Uri-Rotstock, das isch än Alp gsy, wiämmä niänä-n-ä keini meh findet, vo Bliämlänä, diä sind leetigs Milch gsy. Drymal im Tag hennt s' miässä mälchä. Und darnah hennt sy mit Chäs und Ankä g'stäget. Und uff das het's afah schnyä. Und der Sänn het wellä fliäh und het miässä midem Chessi under der Hittätirä blybä. Ä Chuäh isch au neiwä dertä gsy; diä heig Bliämli gheissä; aber was mit deerä gsy isch, weiss ich nit, bastä, sy het au miässä underem Firä blybä.

M. Josefa Aschwanden, Sisikon.



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