Sisikon


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Walter Hauser



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Auszug aus "Die Geschichte eines Dorfes" (1947) von Pfarrer Walter Hauser






Lieber Leser,

Vor Jahren grüsste von Titelblättern aller erdenklichen Zeitschriften des In- und Auslandes, oft kitschig genug aufgemacht, das Bild eines Dorfes: eine kleine weisse Kirche unter blühenden Kirschbäumen, blau durchschimmert vom nahen See und unsäglich überstrahlt von blendenden Firnen. Sisikon am Urnersee !

Die kleine Kirche wird dies Jahr, 1947, fünfhundertiährig. Wir setzen uns auf die Mauer vor der Kirche, an der die Gotthardzüge vorbeidonnern, und schauen zurück durch die jahrhundertealte Geschichte des Pfarrdorfes, um das Gesicht der Gemeinde wissender zu sehen, und auch, angesichts der Treue der Vorangegangenen, uns selbst an die Treue mahnen zu lassen.

Die Geschichte einer Landschaft müsste dreimal geschrieben werden, vom Geologen, vom Ortsnamenforscher und vom Kenner der geschichtlichen Urkunden. Wenn nun ein Pfarrer es wagt, die Geschichte seines Dorfes zu schreiben, so ist das Beweis genug, dass seine kleine Schrift nicht etwa eine hieb- und stichfeste geschichtliche Untersuchung sein will, zu der die Leute vom Fach nur noch Bravo und Amen zu sagen haben. Er will einfach seinem Völklein einen Dienst tun, auf den es sonst lange warten müsste.

Der Pfarreifamilie von Sisikon sei diese Arbeit herzlich geschenkt !



Aus der Urgeschichte


Neben der Pfarrhaustüre von Sisikon steckt in der Einfassung des Hortensienbeetes ein Stein, der sich aus lauter kleinen, versteinerten Muscheln zusammensetzt. Man fand ihn unweit vom Pfarrhaus. Er erzählt aus jener unvorstellbar fernen Zeit, da Meeresbrausen über unser Land hinwogte und seltsame Wassertiere die smaragdene Finsternis belebten.

Das Gestein unserer Gegend ist der Kalk; aber überall stösst man auf grosse und kleine Granittrümmer, vor Tausenden von Jahren von den Gotthardgletschern, die bis ins Mittelland hinausströmten, zu uns und weiter ins Flachland hinaus getragen.

Langsam bildete sich das Antlitz des Landes, wie es uns heute vertraut ist. Aus den Bergen stürzten die Bäche und groben sich ihre Täler. So entstand das Tal von Riemenstalden. Als hätte der Bach ein Andenken an die grüne Herrlichkeit seiner Jugend mitnehmen wollen, trug er immer ein wenig Erde und Gestein mit, kaum spürbar in trockenen Wochen, mächtig polternd in Gewitternächten. Aber bald wurde er der Last müde und legte sie ab, ehe er sich selig in den grünen Vierländersee warf. So wuchs langsam eine Landzunge aus mitgetragenem Gestein in den See hinaus, der Boden, auf dem das Völklein von Sisikon heute daheim ist. Es mag lange gegangen sein, bis jemand Lust bekam, auf diesem anfänglich beinahe unerreichbaren und vom Bergbach bei iedem schweren Wetter bedrohten Flecken Erde sich anzusiedeln.

Der Name Sisikon (1173 Sisinchon, 1189 Sisikon, 1261 Sisinkon, 1273 Sisengun, 1307 Zisikon, 1387 Syssinken, heute von Einheimischen Sisege, von Auswärtigen Siseke und Sisikon gesprochen) stammt aus der alemannischen Einwanderungsenoche zwischen dem fünften bis neunten Jahrhundert und dürfte ungefähr auf das Jahr 750 anzusetzen sein. Er mag Heimwesen und Leute der Sisinge bedeuten. Sisinge sind Nachkommen des Siso, Siso ist die Abkürzung eines alemannischen Sigis-Namens, vergl. Sigisbert, Sigismund u. a. Die Ansiedler kamen vermutlich von Uri her, wohl vom Gruonwald über den Franzen, Unterwindligen, Buggi nach Butzen und Alpelen, wo noch vor 50 Jahren allgemeiner Vieh- und Fahrweg von Uri nach Schwyz war. Man sei, so berichtet der Volksmund, über diesen Weg früher aus den Bürglerbergen mit Vieh nach Zürich an die Märkte gefahren. Heute ist dieser Weg so vernachlässigt, dass er hiefür nicht mehr in Frage kommt. Andere Zuwege aus Uri gingen über Kinzigkulm-Muotathal-Goldblangg und über Schönenkulm (Schönechulm).
Ueber die Wasserscheide kommend, fanden die Ansiedler, mit den stürzenden Wassern niedersteigend, eine in den See vorgetragene Landzunge, südlich und nördlich durch steile, jetzt von Bahn und Axenstrasse durchbohrte Kalkfelsen abgeschirmt, mit einem weiten, herrlich offenen Ausblick auf See und Gebirge.

Keltische und romanische Sprachreste in den jetzt noch geltenden Orts- und Flurnamen vor allem gegen die Höhen hin (Goldblangg, Schönenkulm, Rophaien, Kämletzen u.a.) deuten an, dass das Land schon vorher, wenn auch nicht dicht, von romanisierten Kelten bewohnt war. (Die keltischen Urbewohner wurden durch die Eingliederung unserer Gegend in das römische Reich «romanisiert».) Nur allmählich rodeten die in der milden Taltiefe sesshaften Alemannen die ansteigenden Wälder mit Axt und Haue, wo dann Rütenen entstanden (Schneckenrüti, Twärrüti, Kirchenrüti) oder mit Feuer, wo man heute noch von Schwand, Schwandli und Schwändi redet.

Mit der Zeit nahmen sie bis in alle Höhen hinauf Besitz vom Land, verteilten es etwa durch das Los (Loos in Riemenstalden) oder nahmen es in Gemeinbesitz, heute Allmeind und Korporationseigen. Nur durch Besiedlung von Uri her erklärt es sich, dass Sisikon immer zu Uri gehörte, während doch die Grenzen zwischen Uri und Schwyz, die weithin mit den Gemeindegrenzen gehen, erst nach jahrhundertelangen Auseinandersetzungen sich abklärten. Die Sprache der Dorfbevölkerung lässt ebensoviel von der schwyzerischen wie von der urnerischen Tonart hören, und es geht in Uri der Spruch, man gehe «uf Sisege ga d'Sprach lehre». Ueber das Aussehen der Leute von Sisikon berichtet F. V. Schmidi ein freilich begeisterter Lobredner “Seiner Höchstgebiethenden, Gnädigsten Herren und Obern und eines helvetisch-grossmächtigen Freystaats Ury”, dass die «Sisenker wohlgestaltete und schöne Leute” seien.


Die ältesten Urkunden erzählen


Die Sprache der Urkunden setzt verhältnismässig spät ein. Sisikon wird erst 1173 erstmals erwähnt. Wir lassen, um das geschichtliche Bild zu runden, etwas Urnergeschichte vorausgehen und hören auch ein paar Worte über das Nachbardorf Riemenstalden.-Im Jahre 732 wurde Eto, Abt von Reichenau, vom Alemannenherzog Theodebald aus Hass gegen den Pranken Karl Martell nach Uri (Uraniam) verbannt, aber im gleichen Jahre, nach der Vertreibung Theodebalds, wieder in seine Würde eingesetzt. Uri, früher ein Teil des römischen Reiches, wurde durch zum Teil gewaltsame, zum Teil friedliche Uebervölkerung der Alemannen zum Herzogtum Alemannien geschlagen. In das unwegsame Gebirge zogen sich aus dem fruchtbaren Flachland vor allem jene zurück, die der fränkischen Herrschaft entgehen wollten. So wurde Uri schon früh zum Reduit der Freiheit. Die Alemannisierung geschah vermutlich, wie die Ortsnamen andeuten, von Glarus her über den Klausen und von Bern über den Susten. Das Jahr 748 brachte Uri dann doch unter fränkische Herrschaft. Im Jahre 853 ist es denn auch ein fränkischer König, der über das Tal der jungen Reuss verfügt: König Ludwig, der Deutsche genannt, schenkt «den Kleingau Uri (pagellum Uroniae) mit Kirchen, Häusern und übrigen Gebäuden, mit Eigenleuten jeden Geschlechtes und Alters, mit gebautem und ungebautem Lande, mit Wiesen, Wäldern und Weiden, mit stehenden und fliessenden Gewässern, mit Wegen und Wegrechten, mit Erworbenem und zu Erwerbendem? mit allen Zinsen und Gefällen den heiligen Pelix und Regula in Zürich», wo seine Tochter Hildegard wahrscheinlich den Aebtissinnenstab fahrte und durch die Vergabung nun auch, wie es ihrer Abstammung entsprach, weltliche Herrschaftsbefugnisse erhielt. 857 verleibt der gleiche König zum Andenken an seine inzwischen verstorbene Tochter die Kirche St.Peter in Zürich und zwei Urnerkirchen, nämlich Bürglen (Burgilla) und Silenen (Silana) im Lande Uri mit Eigenleuten, Zehnten etc. auf Lebzeit dem Priester Berold, der seiner Tochter Hildegard immer treu gedient.

Nach seinem Ableben sollte die Vergabung aber wieder an das Heiligtum zurückfallen. Sicher besass auch Altdorf schon damals eine Kirche, was sich zwar nicht mit Dokomenten, aber mit guten Grunden belegen lässt. Sie wird aber erst viel später erwähnt. Schwer beweisbare Legende erzählt, dass der irische Heilige Kolumban schon im 7. Jahrhundert in Schattdorf und Andermatt tätig war. Sicher ist aber das Christentum im 9. Jahrhundert in Uri ansässig und wurde wohl von Zürich aus möglichst gefördert. Fränkische Patrozinien (St.Martin in Altdorf und St.Eligins, später St.Aegidins in Sisikon) weisen auf fränkische Gründung oder wenigstens Einflussnahme hin, die von Zürich ausging.

Wenn der Vater der schwyzerischen Kirchengeschichte, der verdienstvolle Thomas Fassbind, annimmt, das Nachbardorf Riemenstalden sei ursprünglich zur Zeit der römischen Christenverfolgungen von römischen Flüchtlingen besiedelt und christlich gemacht worden, daher der zeitweilige Name Römerstalden, so ist dies ein Irrtum. Römerstalden ist eine spätere, gefälschte Namensform. Der Name ist von Reymarstalden abzuleiten, also gut alemannischen Stammes.

Wann das Licht Christi erstmals in Sisikon aufflammte, ist nicht mehr auffindbar. Pfarrer Imhof von Sisikon, der 1798 starb, schreibt aus älterer Quelle ab, es sei «circa annum 1223 die Caplaney Sissencon in der pfarrey Altorf gelegen gestiftet» worden. Thomas Fassbind berichtet, er habe die diesbezügliche Stiftungsurkunde von 1120 in Sisikon gesehen. Sie wird aber in den alten Urkundenverzeichnissen nie erwähnt.Es wird erzählt, in frühern Zeiten sei Sisikon in Uri und Ennetmoos in Nidwalden abwechslungsweise vom gleichen Priester pastoriert worden. Vielleicht ist dies eine missverständliche Darstellung der geschichtlichen Tatsache, dass die geistlichen Stifte Beromünster und Muri sowohl in Stans, wozu Ennetmoos gehörte, wie auch in Sisikon begütert waren.




Mündliche Ueberlieferung verlegt den Standort des ersten Gotteshauses von Sisikon auf den Platz, wo heute das Wohnhaus der Sägerei Wyrsch steht. Als man die Fundamente des Hauses grub, fand man in zwei Meter Tiefe Mauerreste, Rosenkranzteile und menschliche Gebeine. Die Ueberlieferung sagt auch, das sogenannte «Eggeli», eines der ältesten Häuser von Sisikon, bei der Säge am jenseitigen Bachufer gelegen, sei das erste Pfarrhaus gewesen. Der Bach soll damals nicht zwischen Säge und «Eggeli», sondern etwas nördlich der Säge verlaufen und ungefähr beim heutigen Strandbad in den See gemündet sein. Das Haus der Liegenschaft “Bachmatt”, die links vom heutigen Bachbett liegt, deutet aber auch darauf hin, dass der Bach einmal dort in den See einlief, wo heute die Strasse zum Landungssteg hinunterführt. So lässt sich auch die ziemliche Breite der Sisikoner-Landzunge erklären. Thomas F'assbind berichtet auch, dass die Bevölkerung der ehemaligen, um das Jahr l000 durch einen Bergsturz verschütteten Pfarrei Riemenstalden in dieser ersten Kapelle zu Sisikon einen eigenen Platz zugewiesen bekam und nur drei oder vier Mal im Jahr verpflichtet war, den Gottesdienst in ihrer Mutterkirche Schwyz zu besuchen.

FRÜCHTE DER ERDE


In den frühesten Urkunden, die von Sisikon reden, wird auch die Fruchtbarkeit des Dorfes genannt. 1330 verleihen Abt und Konvent zu Wettingen der Elsa, Gattin Johannes des Huwen (Huber ?) von Sisikon», ihr Gut, Haus und Hofstatt samt dem Weingarten hinter dem Haus und setzen Zins und Gefäll fest. 1284 verfügt die Aebtissin des Fraumünsters Zürich gemeinsam mit Pfarrer Rudolph von Altdorf über die Einkünfte der Weingärten, sowie des Gersten und Gemüsezehnten der Kirche von Altdorf und diesseits in ... Sisikon... Der Wein- und Nuss-(Oel) zehnten der Filialkirchen, also auch von Sisikon, fiel an Altdorf, der Gemüsezehnten an Zürich. Der Zehnten von Sisikon scheint nicht ganz bedeutungslos gewesen zu sein: Der Pfarrer von Altdorf setzte sich wohl dieses Zehnten wegen gegen die Abkurung Sisikons von der Mutterpfarrei entschieden zur Wehr. Das Gründungspergament von 1387 schlug dann den Weizenzehnten zum Einkommen des Pfarrers von Sisikon mit der Verpflichtung, den Zehnten davon als Ehrengabe dem Pfarrer von Altdorf abzuliefern.

Heute noch scheinen die treppenartigen Hänge des Dorfes gegen das Dorni hin auf ehemalige Weinberge zu deuten.

Das Zehntenbüchlein von 1768 zählt als zehntenpflichtig auf: «Wein die 10. Mass, Aepfel und Birnen den 10ten Kratten voll, Kästenen den 10. Kratten oder Bächer, Hanf die 10. Hanfel, Räben den 10. Theill, Krautgärten von einem jeden ein Schilling, Heu Zehnten vom Küheu Angster 2, Honig den 10. Theill vom Honig, Schweine Zächeten von einem 4 Pfund, Gitzi von einem 2 Pfund, Schaf Zächeten von einem erstgeschorenen 4 Pfund, Erdäpfel den 15.Theill. Wenn aber das obs, Kästenen oder Honig fählen thäte, solle man dennoch das mindere wie das Mehrere zu verzehnden schuldig sein.» sign. Jos. Im Hoof.

Ein Nachtrag des damaligen Kirchenvogts Infanger des Raths ergänzt: «Demnach zu wissen, dass nicht seynd gezehndet worden Bonen, Erbs, Kifel, Riebli, Kirbs, Knoblauch, Kabis in Sisickon. Hingegen man schuldig ist, dem jeweiligen Pfarherrn den Zehnden, so man macht, Roggen, Wirtz, Flachs-Hanf, Hanf-Samen-Stängel, Türkken Korn.»

Es fällt auf, dass von den Kartoffeln der 15. Teil gezehntet werden musste, während sonst überall der zehnte Teil üblich war. Diese Regelung war das Ergebnis eines jahrelangen Streites, mit dem sich das Dekanat, die bischöfliche Kanzlei und die theologische Fakultät von Luzern befassen mussten. In den alten Zehntenverzeichnissen -war vom Kartoffelzehnten nicht die Rede, weil diese Frucht noch nicht bekannt war. Als sie die Weingärten immer mehr verdrängte, verminderten sich die Zehntenabgaben, die den Gehalt der Pfrundinhaber bildeten. Sie setzten sich begreiflicherweise für ihr gutes Recht zur Wehr. Die Dokamente im Pfarrarchiv Sisikon beginnen mit einem Brief des Dr.und Fiscal Rettich an Hrn.Commissario von Rechberg». Wir lesen dort, dass die Zehntenpflicht aus dem Kartoffelertrag angezweifelt wurde, weil «die Heerdapfel alss eine vor diesem unbekannte Frucht under der Gattung des Zehndengutss nit gerechnet wurde; den der Frucht nach werden sie geachtet als Brachacker Früchten, welche von Pfluog und Schauffeln herfliessen.~3.Februar 1755.

Die Sache gab offenbar im Sextariat Uri viel zu reden, und selbst die verpfründeten Geistlichen waren über die Zehntenpflicht nicht alle derselben Ansicht, sodass schliesslich die theologische Fakultät von Luzern um ihren Entscheid gebeten wurde.
P. Bernardus Mahr, Professor der Theologie, aus der Gesellschaft Jesu, äusserte sich temperamentvoll zur Frage: «Ich achtete es nit der mühe werth zu seyn, dass ich über ein so ungezweiflete Sach den Rath von der gantzen theologischen Facoltet einhole, sonder glaubte schon genu, zu sein, wan nur von Einem aus denen P. P. Professoren die geringschätzige und schwache gründt und fundamenta der widerparth mit wenigen widerlegt wurden. Fürwahr, ich verwundere mich, dass ess deren gibt, welche einem so verzweifelten Handel den Stägreif halten wollen, und eintwederss den Leüthen zum gfallen, oder auss hoffnung etwass zu erhaschen, sich nit scheüchen denen im Weinberg des Herrn wohlverdienten Arbeiteren den schuldigen Lohn zu entziechen. Luzern, 21. Windermonat 1758.»

Ein Dekret aus Konstanz in klassischem Latein entschied darauf, dass unter der Strafe des Kirchenbannes nicht mehr gelehrt werden dürfe, man sei zum Kartoffelzehnten nicht verpflichtet, da sich der Zehnten auf göttliches und kirchliches Recht stütze. Man mèsse irn Gegenteil, wie die zeitgenossische Uebersetzung sagt, «öffterss die Schuldigkeit den Zehndten recht abzuostatten von der Kantzell mit Klug- und Bescheidenheit vortragen, und dass Volkh underweysen, wass für ein schyäre Sündt ess seye, den Zehenden was Namenss er jmmer seyn mag, eintweders gar nit geben, oder nit gäntzlich abstatten; oder aber sollen sie innet dem Termin, so die Rechten gestatten, die Ursachen, worumb sie vermeinen, dass man die Herdapfel nit zehnden müsse, vor Unss anbringen. 5.Mertzen 1759.'

Die Sache schien noch nicht zu ruhen. Beinahe zehn Jahre später erscheint von Konstanz ein neues Dekret, worin gesagt wird, dass kein triftiger Grund gegen den Kartoffelzehnten gefunden wurde. Die Kleriker, die dagegen predigen, müssten zukünftig angezeigt werden. Das Volk solle ,durch Erfallung der im göttlichen Recht begründeten Pflicht den Segen Gottes verdienen. Die in ihrem Recht verletzten Pfarrer sollten den Schutz des erzbischöflichen Offizialates anrufen.

Im Zehntenbüchlein von Sisikon ist abschliessend unter dem gleichen Datum? den das letztgenannte Dekret trägt, folgende Bemerkung eingetragen: Dass dise Bestimmung und Abstattung des obigen

Zehenden bey jeweilender neüen wahll eines Pfarherren bestehe, wie auch der Zehnden der Erdöpfeln wie ob yerblibe, weillen anno 1768 dises von der Bischöflichen Visitation also zu Tractieren gesagtem Pfarherren Im Hof übergeben, und von dem Kirchgang Sisickon beliebet worden, dises Zächeten Biechli bestäte und bezüge. Schaddorf 20.Oktobris 1768. Isenmann, Comm.EP.»

Wein, Gerste und Gemuse, um die sich im 14. Jahrhundert die Mutterpfarrei Altdorf so entschieden gewehrt, waren also ohne grossen Kampf aus dem Bild des Dorfes verschwunden, und statt dessen rochen an warmen Herbsttagen brennende Kartoffelstauden über die Dächer hin.

Im Protokoll der Munizipalität 1798-1803, das in der schreibseligen Weise des Munizipalitätsschreibers Sebastian Heinrich Aschwanden vielerlei wertvolle Auskünfte gibt, ist nicht mehr von Kartoffelgärten, sondern von Graswirtschaft und Viehzucht die Rede. Auch der Oelzehnten wird genannt, ebenso der Obstzehnten des Pfarrers. Im Uebrigen wird viel von Wa.ld und Weide geredet: es ist ungefähr das gleiche Bild das sich heute bietet. Die Nussbäume, die auf einem Stich von D.A.Schmid, datiert 1836, noch zahlreich sind, haben ihren Platz zum grossen Teil den Kirschbäumen überlassen. Die blühenden Kirschbäume im Mai und die süssen Kirschen im Juni und Juli sind geradezu berühmt, und mit Recht:

Gibt es etwas Festlicheres als dieses Dörfli, das im weissen Meer des Chriesiblühets ertrinkt, und gibt es etwas Süsseres in dieser sauern Welt als ein paar Hände voll schwarz und rot glänzender Kirschen ! Nahe beim Dorf stehen mitten unter unsern lieben Tannen und Buchen Edelkastanienbäume und halten ihre prächtig gefächerten Blätter in den Wind. Im Herbst wischt der Strassenmeister die grünen, stachligen Fruchthüllen auf der Axonstrasse haufenweise zusammen, und die Buben kommen mit Hosensäcken voll richtiger Edelkastanien

zur Schule. In den Garten machen sich da und dort grossblättrige Feigensträucher breit, und im Herbst stehen sie voll dunkelvioletter Früchte, die geradezu unsäglich süss sind.-Wer auf Blumen ausgeht, kann sogar irgendwo nahe am Strassenrand der Axenstrasse im Mai einen herrlich blühenden gelben Rhododendron sehen, eine fremdländische Base unserer Alpenrose, und im Frühling wachst die dunkelgelbe Alpenaurikel bis zum See hinunter.

Dass du die Früchte der Erde uns geben und erhalten wollest, wir bitten dich, erhöre uns !, singt die Kirche in der Bittwoche über das blühende Dorf, und wir falten ergriffen die Hände.


WEGE IN DIE WELT


Jahrhundertelang war unser kleines Dorf vom Verkehr mit der Umwelt abgeschnitten. Der erste mit Namen Genannte, der seinen Fuss auf unsern Gemeindeboden setzte, blieb wohl auch der Bekannteste: Wilhelm Tell ! Dramatischer hat kaum mehr je ein Gast unser Land betreten.

Am 30.September 1797 fuhr der damals 50jährige Goethe von Schwyz her über den See dem Gotthard entgegen. Er schrieb in seinen stichwortartig knappen Notizen: Kleine Kirche, links Sisigen, Tal hineinwärts, erst gelinde ansteigende, dann steile Matten... Die Rückkehr über Uris grünen See am 6. Oktober 1797 schenkte dem grossen Dichter ein unvergessliches Erlebnis, das sich später zum Prolog im zweiten Teil des «Faust» gestaltete:

Hinaufgeschaut !-Der Berge Gipfelriesen
Verkünden schon die feierlichste Stunde;
Sie dürfen froh des ew'gen Lichts geniessen,
Das später sich zu uns herniederwendet.
Jetzt zu der Alpe grüngesenkten Wiesen
Wird neuer Glanz und Deutlichkeit gespendet,
Und stufenweis herab ist es gelungen:
Sie tritt hervor !-und, leider schon geblendet
Kehr' ich mich weg, vom Augenschmerz durchdrungen.

Als Goethe tunkenen Herzens über den herbstlich zart verschleierten See fuhr, tauchten noch die Handruder in melodischem Takt in das Wasser; aber schon war die grosse Erfindung gemacht, die auch dem Ländersee eine neue Zeit bringen sollte: das Dampfschiff.
Als die Dampfschiffgesellschaft des Vierwaldstättersees im Jahre 1872 den Wasserverkehr auf dem Vierländersee an sich zog, bewarb sich auch Sisikon um eine Haltestelle, die es denn auch erhielt, nachdem es die Holzlieferung zum Landungssteg und sonstige Mithilfe zugesagt.

Die meisten Schiffe fahren zwar mit stolz wehenden Fahnen an unserm Dorf vorbei, während, wenigstens im Sommer, die Tellsplatte regen Schiffsbesuch aufweist. Sisikon ist überhaupt mit dem See seltsam schwach verknüpft. Es war wohl nicht immer so. Strassen und Bahn haben aber in
unserer schnellebigen Zeit dem See die Aufgabe weitgehend abgenommen, unser Dorf mit der Welt zu verbinden.
Es wurde schon andernorts gesagt, dass die Landwege unsereg Dorfes umständlich und zum Teil gefährlich waren. Die Neuzeit änderte daran Vieles mit unerhörter Unternehmungsfreude. 1838 entwarf Ingenieur Carl Emanuel Müller, der Erbauer der Gotthardstrasse und Stifter des Kantonsspitals in Altdorf, den Plan für eine Axenstrasse. Sie wurde 1862-65 mit dem erstaunlich kleinen Kostenaufwand von ungefähr einer Million von den Kantonen Uri und Schwyz ausgeführt und am 3. Juli 1865 feierlich eröffnet. Vor wenig Jahren wurde die fürchterlich staubige Strasse asphaltiert und die Urnerstrecke mit einem vielseitig begrüssten Fussgängerstreifen verbreitert. Die Strasse gehört wohl zu den schönsten der Schweiz und bietet an stillen Tagen dem Spaziergänger Stunden verklärtesten Genusses.

Am 15. September 1869 wurde durch einen italienisch-schweizerischen Staatsvertrag der Bau der Gotthardbahn beschlossen. Die Arbeit begann 1872. Die Kosten beliefen sich auf 238 Millionen, wovon Uri eine Million auf seine Rechnung nahm. Am l. Juli 1882 wurde das grosse Werk feierlich eingeweiht. Für Sisikon brachte die Banzeit laute und bewegte Tage. Die Pfarrbücher wissen allerlei Erfreuliches und Unerfreuliches zu berichten. Das Sterberegister zählt 1876-82 sechs tödliche Unfälle uhd einen Mord, ferner drei tödlich verlaufende Platternfälle. - Mehrere Häuser des Dorfes stammen aus jener Zeit. Kaum ein Zimmer blieb frei. Fast jede Stube wurde zur Wirtsstube.-Das alte Gesicht des Dorfes änderte sich.1940 begann der Ausbau der Strecke Brunnen-Fluelen für den dringend notwendig gewordenen Doppelspurverkehr.
Nach 20 monatiger Arbeit wurde der Axenbergtunnel durchschlagen. Der volksverwachsene Grundbuchverwalter Martin Wipfli widmete dem durchbohrten Axenberg zu diesem Schicksalstag, dem 10.Januar 1942. ein vielstrophiges, elegisches Gedicht. Am 4. Juni 1946 wurde der Fronialp-Tunnel zwischen Sisikon-Bruunen durchschlagen. Das Jahr 1948 wird voraussichtlich auch diese Strecke dem Verkehr übergeben. Dann werden die Schnellzüge an unserm Dorf vorbeidonnern und den Reisenden kaum Zeit lassen, den Ortsnamen am Stationsgebäude zu lesen.

Im Jahre 1912 wurde die Strasse nach Riemenstalden gebaut, sodass man das abgelegene, wundervoll stille Dörfli sogar mit Autos erreichen kann, wenn Motor und Pneus die natürlich nicht asphaltierte und bisweilen stark ansteigende Strasse ertragen.

Ein herrlich aussichtsreicher Weg zweigt von der Riemenstaldenstrasse auf der Höhe über Sisikon nach Morschach ab, auf verschiedenen Waldwegen wird der Reichtum der Wälder zutal gebracht, jahrhundertealte Wege klettern zum schwyzerischen Binzenegg, zum Menzigried, das schon im 13. Jahrhundert erwähnt wird, und zu den Riedbergen und schliesslich in die schönen und weitläufigen Alpen hinauf.

Selten strömt auch das kirchliche Leben der Pfarrei auf die Strassen, im April zum Heiligtum des Bauernpatrons St.Wendelin in Unterschönenbuch ausserhalb Ingenbohl; in der Kreuzwoche führt uns die Axenstrasse nach Altdorf und das Schiff zum Seelisberg; an Fronleichnam und Christi Himmelfahrt segnet altes, frommes Brauchtum die Wege und Häuser des Dorfes.

Früher gab es auch Bittgänge nach Morschach und nach Bauen und am Markustag sogar zur fernen Jagdmattkenelle in Erstfeld, sowie am Tellenfreitag zur Tellsplatte.

Im Sommer besuchen die drei Dörfer Morschach, Riemenstalden und Sisikon an einem Sonntagnachmittag die St. Nikolauskapelle an der Riemenstaldenstrasse zu einer Predigt und Andacht im Freien, was natürlich vor allem den Buben der drei Dörfer Eindruck macht, die bescheiden zwischen Steinen und Stauden versteckt sich an der Andacht der andern erbauen.

Wenn im Frühsommer das Geläute des Alpaufzuges im Dorf verklungen ist, geht bald auch einmal der Pfarrer in die Alpen, um den Segen der Kirche über Mensch und Tier, über Hütte und Stall zu beten.

So stehen an den Strassen, die aus unserm katholischen Dorf in die Welt hinausführen, immer auch Wegweiser, die zum Himmel zeigen. Auch er gehört zur Geographie des Christen.





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